Lass mich Liebe machen
Entstanden am Walensee, zu Beginn von Corona
Lass mich Liebe machen
Lass mich Liebe machen mit der Ruhe in den Städten... mit den zuerst zaghaft und nun immer mutiger zurückgekehrten Vögeln, lass mich Liebe machen mit dem Rauschen des Baches, dem spiegelglatten See... lass mich Liebe machen mit dem zaghaften Lächeln vorbeigehender Menschen... Liebe machen mit ihren Ängsten... und lass mich Liebe machen mit meinen eigenen Ängsten, meiner Unsicherheit,... lass mich mich hingeben dem "Wie weiter" und mich von ihm vernaschen, sanft und zögernd vielleicht... aber vielleicht auch voller Leidenschaft. Ja, nimm mich, Du ungewisse Zeit, nimm mich ganz und mach mit mir, was immer Du brauchst.. Hingabe will ich lernen und wenn Du mich beschenkst mit deiner unglaublich pulsierenden Kraft des Unabänderbaren, dann mögen all die Federn von mir abfallen, die ich unterwegs aufgehoben und in mein Kleid gesteckt habe, die mich zu dem machten, was ich niemals war,... und wenn es sein soll, dann stehe ich am Ende nackt da... Hauptsache, ich habe gefühlt. Die Hingabe an den Augenblick. Dieses Schütteln und Stossen des Wegfalls alter Paradigmen, meiner inneren und wer weiss, einiger äusseren... lass mich Liebe machen mit meinem eigenen nackten Sein, mit der Tänzerin in mir, der Kriegerin, mit der hilflosen Mutter, dem verlassenen Kind, der wütenden Frau, der Begleiterin, Berührerin, Heilerin. Und lass mich Liebe machen mit der Vergesslichkeit, der inneren Lähmung, mit altem Schmerz, der geteilten Freude, der innigen Freundschaft und neuem Glück. Lass mich Liebe machen mit der Dankbarkeit für ein Leben, das so gut zu mir ist. Immer und immer wieder. Lass mich Liebe machen...
Und lass mich Liebe machen mit meiner Sehnsucht danach, geliebt zu werden, gehalten zu sein und mich sicher zu fühlen. Lass mich Liebe machen mit der Einsicht, dass wenn man im Aussen sucht, was eigentlich im Innen bestehen müsste, das zwangsläufig Schmerz und Haltlosigkeit nach sich zieht. Lass mich Liebe machen mit dieser Einsicht in mein noch bestehendes Unvermögen, damit immer weise umzugehen. Lass mich Liebe machen mit meiner Ungeduld und meinem Unvermögen. Meinem tiefen Sehnen allen Dingen auf den Grund zu gehen, zu verstehen, erfassen, erfühlen, begreifen. Und lass mich Liebe machen mit dem Umstand, dass ich so schlecht damit umgehen kann, wenn mir das nicht möglich ist. Und lass mich Liebe machen mit den Wellen des Lebens, dem Auf und Ab im Aussen, und vielmehr noch, dem im Innen. Lass mich Liebe machen mit dem Schmerz, wenn er mich seinen Reisszähnen aufbricht und langsam in Stücke reisst, und lass mich Liebe machen mit den Knochen, die er übrig lässt, vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Lass mich Liebe machen mit der Einsicht, dass ich alles schon mal war und dass, was ich noch nicht war, ich irgendwann noch sein werde. Lass mich Liebe machen..
Pascale Kohli, 2020