To shave, or not to shave

Ich habe einen südländischen Teint, dunkle Augen und lange, dunkle Haare auf dem Kopf. Und an den Beinen. Also konkret gerade nur an einem Bein. Und überhaupt erst seit einigen Monaten an den Beinen. Denn vorher habe ich diese seit meiner Pubertät entfernt. Rasiert... um tags darauf unangenehme Stoppel zu haben, oder epiliert...unter grossen Schmerzen, um dann an eingewachsenen Haaren zu leiden.

Ich finde die Haare an meinen Beinen hässlich. Immer noch. Obwohl ich mich jetzt weit über ein Jahr damit auseinandersetze und sie immer wieder wachsen lasse und dann doch wieder entferne. Angefangen hat das Ganze mit einer dummen Bemerkung meines Partners, als ich stopplige Beine und auch etwas längeres Schamhaar hatte. hatte. "Du solltest dich wieder mal rasieren" meinte er.

Ziemlich unmittelbar auf diese Äusserung stieg in mir ein grosser Wiederstand auf. Und ein ebenso grosser innerer Konflikt. Der Wiederstand bezog sich darauf, dass ich von meinem Partner gern gefälligst so angenommen und geliebt fühlen möchte, wie ich bin. Und auch begehrt. Unabhängig davon, ob ich gerade Lust habe, mich zu rasieren oder nicht. Wiederstand auch deswegen, weil ich es übergriffig finde, einer erwachsenen Frau das Gefühl zu geben, sie möge sich doch bitte herrichten, als wäre sie noch eine Jugendliche, oder schlimmer noch, ein Kind. Und mein grosser innerer Konflikt wurde ausgelöst durch die Wut auf meinen Partner, der mich nicht so nehmen will wie ich bin, welche sich aber eigentlich auch auf mich selbst bezog. Denn ich kann mich selbst nicht so nehmen wie ich bin. Ich finde meine Beinbehaarung unschön und ganz besonders Achselhaare finde ich richtiggehend bäh. Und nun bin ich wütend auf meinen Partner, weil es mir bedeutend einfacher fiele, mich selbst so wie ich bin anzunehmen und anziehend zu finden, wenn er dies bedingungslos, unabhängig von beispielsweise meiner Behaarung täte. Tut er aber nicht. Kann er nicht. Weil es nicht seinem und vermutlich dem fast uns allen anerzogenen Schönheitsideal entspricht. Und ich kann es auch nicht. Möchte es aber gerne. Und es machte mich wütend, dass er mir das spiegelte. Ich war erstaunt, wieviel Emotionen dieser eine Satz in mir auslöste.. vom Schmerz des nicht bedingungslos geliebt Seins, über Abscheu einer Verehrung des kindlichen Aussehens, zu Frust und Ärger über den jahrelangen, immer nur kurz anhaltenden Effekt der Enthaarungsakte zu Wut darüber, dass wir Frauen uns damit konfrontiert sehen, dass wir unseren Körper auf mannigfaltige Weise verleugnen und verändern sollen, um zu gefallen.

Diese ganzen Emotionen sind Auslöser eines längeren inneren Prozesses über den manche vielleicht lachen werden und einige den Kopf schütteln... der für mich jedoch eine wichtige Auseinandersetzung mit mir selbst, damit wie ich bin, wie ich sein möchte, und der Frage, warum ich anders sein möchte, als ich bin, darstellt.

In der Zeit, welche auf diese Bemerkung meines Partners folgte, liess ich meine Haare wachsen. Alle. Überall. Und es bewegte mich tief, was es in mir auslöste. Nicht nur mein Partner fand es nicht mehr anziehend bis eklig, sondern auch ich selbst fand es überaus hässlich. Das Wort Scham im Schamhaar bekam eine völlig neue Bedeutung. Ich schämte mich dafür, vor meinem Partner und vor mir selbst, und ganz besonders vor anderen Menschen. Im Freibad lag ich an der Sonne und hatte meine behaarten Beine mit einem Lunghi bedeckt, den ich erst unmittelbar vor dem Wasserbecken auszog und am Beckenrand hinlegte. Denn wo ich auch hinsah... haarlose, zarte Beinhaut an allen Frauen. Ich fühlte mich wie ein entarteter Sonderling. Mein Bikini war zu knapp geschnitten (warum haben Männer Boxershorts und wir nicht?) und so wucherte mein dunkelbraunes Haar frischfröhlich seitlich aus dem Slip. Wie hässlich ich das fand. Ich wäre am Liebsten im Boden versunken. Und trotzdem wollte ich mich damit weiter auseinandersetzen. Für mich war es wichtig, herauszufindem, ob es mir gelingt, mich so zu akzeptieren, wie die Natur mich geschaffen hat, oder ob ich scheitern würde.

Mein Partner, selbst immer mit 7-Tage-Bart, Brust und Beinhaaren und mit zunehmendem Alter auch Haaren am Rücken, fand meinen Prozess nicht gerade toll. Er zeigte mir mal deutlicher, mal weniger deutlich, dass er meine Haare unsexy findet und dass mein behaart sein Synonym für Ungepflegtheit war. Dabei war dies keinesfalls der Fall. Ich duschte öfter und wusch mich besser, weil ich selbst Angst hatte, in den Haaren könnte etwas Schmutz haften bleiben. Jedoch hatte ich dieses Gefühl nur in Bezug auf meine eigene Beehaarung, nie bezogen auf die Haare meines immer schon haarigen Partners. Ich liebte und begehrte ihn wie stets zuvor.

Angesprochen auf das "warum?" gabs von ihm nur eine knappe Antwort (er redet prinzipiell nicht gern)... "Es gefällt mir einfach nicht!". Warum gefällt es dir nicht? "Einfach".

Also begann ich selbst nach Antworten zu suchen. Und zwar in mir. Denn mir gefiel es ja auch nicht. Ich kam zum Schluss, dass unser oder mein Schönheitsideal seit jeher geprägt war von nackten (selbstverständlich zeitgleich langen und schlanken) Frauenbeinen. Ich erinnere mich an kein Magazin, in dem ich jemals behaarte Frauenbeine gesehen hätte. Wir Frauen haben einfach glatte, weiche, glänzende Haut an den Beinen. Punkt. Wir redeten auch nie darüber, dass dies eigentlich nicht der Fall ist. Jede von uns rasierte oder epilierte sich mehr oder weniger heimlich und gemeinsam stakelten wir dann im Sommer mit unseren glattrasierten Frauenbeinen zwischen behaarten Männerbeinen herum und hielten das für normal.

War eine mal trotzdem behaart, so tuschelten wir..."Äääh" und "iiih" und "gruusig"... oder "schau mal, wie ein Mann".

So bin ich aufgewachsen. So wurde mein Schönheitsbild geprägt und haben wir einander gegenseitig darin bestärkt. Und diejenigen geschwächt, die vielleicht anders gewesen wären.

Vor einiger Zeit ging ich mit einer Freundin ins Hammam. Ich wusste von ihr, dass sie sich mit der Thematik auch auseinandersetzt und ihre Beinhaare des Öftern auch lang trägt. Ich entschied mich also, mit meiner vollen Beinhaartracht dorthin zu gehen. Mit ihr gemeinsam würde es mir einfacher fallen, zwischen all den glattrasierten Damen mein eigenes Frausein trotz Beinhaar zu empfinden. Doch bereits im ersten Raum stellte ich mit Entsetzen fest, sie hatte ihre Haare frisch rasiert. Da war sie wieder. Diese Scham. Es fiel mir schwer, von meinem geschützten Eckplatz wieder aufzustehen und durch den Raum vorbei an all den sitzenden Menschen zu gehen, deren gesenkter Blick in einem Hammam ja unweigerlich auf die Beine fällt. Irgendwie schaffte ich es dann doch. Und bemerkte hie und da lange Blicke und später im Bistro auch Getuschel.

Nach nun bald zwei Jahren innerer Auseinandersetzung mit dem Thema (ist das nicht irre?? 2 Jahre!) sind meine Achselhaare längst wieder rasiert, mein Schamhaar gekürzt und mein eines Bein trägt derzeit sein Haar lang, das andere ist seit gestern wieder rasiert. Immer wieder fahre ich selbst fasziniert über die zarte Haut des rasierten Beins. Es ist so zart. So sanft. So... weiblich... Halt! Ist Weiblichkeit wirklich zart und sanft? Ist mein anderes Bein denn etwa männlich? Es ist doch mein Bein. Und ich bin eine Frau. Und mir wachsen Haare. Wie allen Frauen.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema ist für mich noch nicht zu Ende. Es geht dabei um sehr viel mehr als nur um Haare. Es geht um Echtheit. Um Emanzipation. Um Selbstbestimmtheit. Darum, einander anzunehmen wie wir sind. Und auch uns selbst. Es geht um Illusion. Es geht darum, was Medien mit uns machen und was wir selbst mit uns machen (lassen), und darum, dass wir gängige Ideale und Vorstellungen viel öfter und viel deutlicher hinterfragen und Alternativen unbedingt ausprobieren sollten.

Kohli Pascale