Mein Weg

Ich bin 1981 geboren und mein Umfeld hatte ganz offensichtlich nicht unbedingt auf mich gewartet. Meine Eltern waren beide als Eltern nicht oder nur sehr beschränkt verfügbar, mein Vater lebte auf einem anderen Kontinent und meine Mutter wählte einen Weg, der uns beiden das Zusammenleben nicht ermöglichte. So war ich ab dem dritten Lebensmonat ein Pflegekind und mit drei Jahren bereits in der sechsten Betreuungssituation. Als ich mit 16 in meine erste eigene Wohnung zog, hatte ich in siebzehn verschiedenen Pflegefamilien, Heimen und Internaten gelebt und in zehn Schuljahren habe ich insgesamt zwölf mal die Klasse gewechselt. Abschiede, Verluste, Neuorientierungen und immer wieder ganz viel Hoffnung und oft auch Enttäuschung haben meinen kindlichen Weg geprägt. Dieser ungewöhnliche und sehr bewegende Weg brachte einerseits sehr viel Schmerz mit sich, andererseits bot er mir aber auch die Möglichkeit, in unterschiedlichste Formen der Lebensgestaltung Einsicht zu erhalten und mit vielen völlig unterschiedlichen Menschen Bekanntschaft zu machen. Ich habe gelernt, dass es zahlreiche gangbare Wege gibt, das Leben zu gestalten. Und ich habe erlebt, wie einige Menschen einen roten Faden bedingungsloser Liebe zu mir stets aufrecht halten und dass dieser Faden über grosse Distanzen hält und meinem kindlichen Kern den nötigen Halt gibt. Ich habe erfahren, dass ich dem Leben trotz Widrigkeiten vertrauen darf und dass es Sinn macht, immer wieder aufzustehen. Und ich habe gelernt, dass im Leben nichts von Dauer ist, nicht die schönen und tiefen Momente, ebenso wenig die schweren und dunklen Zeiten.

Mit 14 begann ich, meinen Lebensweg anzusehen und zu bearbeiten. Mein Heilungsweg führte mich durch viele Stationen: ich schrieb meine eigene Geschichte auf, besuchte die Menschen, welche meine Kindheit auf die eine oder andere Weise geprägt haben und führte mit ihnen lange Gespräche. So habe ich Schritt für Schritt die Fragmente einzelner Stationen meiner Kindheit eingesammelt, verstanden und integriert. Begleitet haben mich auf diesem Weg Therapeuten und ich durfte Werkzeuge wie Gestalt‐ und Atemtherapie, Aufstellungs‐, Vergebungs und Traumaarbeit erfahren und erlernen.

Mit der Geburt meiner Tochter anfangs 2011 kam meine bis dahin für abgeschlossen gehaltene Lebensgeschichte erneut an die Oberfläche und zwar in Form zahlreicher Trigger, Muster und Glaubenssätze, welche ich aus meiner Vergangenheit mit in die Gegenwart genommen habe. Und ich begab mich erneut auf eine intensive Suche, welche in den letzten Jahren zahlreiche Schätze an meine Oberfläche brachte.