Burn Out - welche Farbe hat deine Medizin?

Vor etwa 10,5 Jahren an einem Dienstag morgens war Schluss... ich stand auf und ging ins Badezimmer. Statt mich bereit zu machen für die Arbeit, stand ich einfach nur da bis mir kalt war... dann liess ich ein warmes Bad einlaufen und rief von der Badewanne aus meine Ärztin an. "Ich kann nicht mehr!" weinte ich und sie schrieb mich bis Ende Woche krank. Zuerst dachte ich, das sei enorm viel Zeit um wieder zu Kräften zu kommen. War es aber nicht, denn es ging bergab und nicht bergauf... steil bergab sogar... es folgte eine weitere Krankschreibung für eine Woche, dann bis Ende Monat, dann die Zuweisung an einen Psychiater... Burn Out... hiess es. Ich arbeitete damals als Kundenberaterin im Kundendienst eines Bankenverbundes, an meinem stressigsten Tag ever hatte ich 93 Telefone die ich in 4 Sprachen entgegennahm und zwischen den Anrufen löste man jeweils noch die Probleme der Kunden... am Ende des Tages war ich manchmal so fertig, dass ich mein eigenes Telefon mit dem gleichen Satz abnahm, wie im Geschäft... Und ich hatte ungefähr 360 Überstunden angeraspelt. Mehrmals hatte ich kündigen wollen, doch meine Chefin meinte, sie könne es sich nicht gut vorstellen ohne mich im Team... oder... sie habe mich so lieb, ich erinnere sie an ihre kleine Schwester... Dinge fürs Herz und Ego halt... hörte ich gern... und ich blieb. Und ich gab alles. Irgendwann dehnte ich meine Pausen auf dem WC ins Endlose... Ruhe... einfach ein bisschen Ruhe. Und bevor ich ins Gebäude ging, hörte ich im Auto "Major Tom". Ganz laut... ich wäre auch gern einfach davongeflogen. Aber ich blieb. Bis zu diesem Dienstag. Als nichts mehr ging. Das warme Bad einlaufen lassen war de facto meine letzte Amtshandlung... danach waren selbst Dinge wie Briefkasten leeren oder Zähneputzen nicht mehr selbstverständlich. Ich hing in den Seilen, kraftlos, planlos und ein riesiges schlechtes Gewissen, weil ich nichts leistete, quälte mich pausenlos. Ich hatte aber einen wundervollen Psychiater. Er begleitete mich sehr achtsam durch diese Zeit. Als ich ihn einmal anrief und sagte, ich hätte es mir jetzt lange und gut überlegt, ich sei am Punkt wo ich einsehen müsse, ich schaffe es nicht aus eigener Kraft und hätte gerne Medikamente, meinte er: "ok, komm vorbei. Ich geb Dir was"
Als ich ein paar Tage später dort war, hörte er mir eine Weile zu und bat mich dann, meine Augen zu schliessen. Ich schloss meine Augen und er forderte mich auf, tief und ruhig zu atmen. Nach einer Weile bat er mich, ihm einen meiner liebsten Orte zu beschreiben. Es war eine Stelle im Wald... ein Stück Weg wo der Wald eher licht war und es hatte sehr viel Moos... auf und neben dem Weg... die Bäume standen nicht sehr dicht und alle paar Meter querte ein Bächlein den Weg... mal in einer Röhre unten durch, mal plätscherte es einfach fröhlich über den Weg... es war ein Ort wie im Märchenbuch... ab und zu einen Fliegenpilz und wenn man schön ruhig war, auch Tiere. Auch Zwerge und Elfen hielt man hier gut für möglich. Ich zumindest.
Diesen Ort beschrieb ich ihm. Lange. Detailliert. Den Duft. Das Gefühl des Bodens unter den Füssen. Die Geräusche. Das Gefühl in meinem Herzen.
Anschliessend bat er mich, diesem Zustand des dort seins eine Farbe zu geben. Ich nannte grün.
Dann durfte ich die Augen öffnen. "So, und nun gebe ich dir deine Medikamente. Und zwar, immer wenn Du vor einer Entscheidung stehst in der nächsten Zeit... zb. Soll ich aufstehen oder nicht? Soll ich einkaufen gehen oder nicht...? Dann fühle in dich hinein. Ist es "grün" das zu tun, dann tue es, ist es nicht grün, dann tue es nicht. Das ist deine Medizin. Ich schreibe dich solange krank, bis Du das gelernt hast. Denn wenn Du es nicht lernst, sehen wir uns immer wieder. Solange Du nicht auf dich achtgibst, wird es dir nie lange besser gehen".
Ich war insgesamt ca. 1.5 Jahre !!! oder fast 2.. krankgeschrieben. Ob ich es umfassend gelernt hab... vermutlich nicht. Aber es hat mich sehr viel weiter gebracht und sehr viele Dinge und auch Menschen checke ich noch heute auf "grün". Und wo immer möglich, halte ich mich dran. Ich bin diesem Psychiater ewig dankbar, dass er mir damals diese Medizin gab und keine andere. Und... hiermit gebe ich sie weiter... reiche sie an euch in den Kreis meiner Freunde.
Wo ist dein Platz, an dem Du dich ganz fühlst, ganz bei Dir bist? Welche Farbe würdest Du dem Zustand geben, den Du an diesem Ort hast? Und... wenn Du an dein jetztiges Leben denkst... wieviel davon trägt diese Farbe?

Kohli Pascale