Oh, look what I've created
In den letzten Jahren habe ich eine Anzahl verschiedener Workshops gemacht, um mich einerseits grundsätzlich persönlich zu entwickeln, und andererseits weil es dringend notwendig war, gewisse längst überfällige Schritte zu tun und Muster loszulassen, die mir nicht mehr dienten. Mein Lieblingsmuster war die Opferrolle... schwere Kindheit und so, Du weisst ja... und so habe ich von 13 bis etwa 30-jährig enorm viel Zeit in Therapien zum Verarbeiten meiner Kindheit verbracht, oft ohne wirklich Schritte zu machen. Die Rollenverteilung war klar. Ich --> Opfer. Eltern --> rücksichtslose Täter. Therapeut --> hört zu und bestätigt durch Nicken Opferrolle. Man nennt dieses System übrigens das Opfer-Retter-Verfolger-System. Aber das ist eine andere Geschichte. Es ist natürlich sehr überspitzt, meine frühen Therapieerfolge so darzustellen, und natürlich habe ich viel gelernt und auch eigentlich gute Therapeuten gehabt... aber irgendwie ist die Sache mit dem Opfer lange nicht zu mir durchgedrungen… vielleicht hat mir niemand davon erzählt... vielleicht war ich noch nicht bereit dazu... wer weiss. Vor sechs Jahren dann habe ich bei Colin Tipping den 9-tägigen "Radical Forgiveness"-Prozess durchlaufen. Diese Tage waren bahnbrechend und richtungsweisend, weg vom Opfer, hin zu Selbstverantwortung einerseits, und zum Bewusstsein, dass unsere Seelen sich schwierige Situationen möglicherweise selbst kreieren, um Entwicklung/Wachstum zu ermöglichen. Und dass wir auch selbst immer wieder andern Menschen schwierige Situationen zumuten, an denen diese dann wachsen. Manchmal triggern sie uns solange, bis wir es endlich tun. Eine Grenze setzen. Ein Bedürfnis äussern. Eine Beziehung beenden. Einer der Schlüsselsätze die mir aus dieser Zeit mit Colin geblieben sind, ist "oh, look what I've created!" (Oh schau her, was habe ich denn da wieder kreiert!). Der Satz passt in fast alle schwierigen Situationen... Ärger im Job, Beziehung an die Wand gefahren, Auto in die Böschung gestellt... er ist so simpel und einfach und holt die Verantwortung zurück zu mir, mit einer humorvollen Leichtigkeit. Mittlerweile gelingt es mir immer öfter, ihn in Situationen, da ich gerade ins Selbstmitleid (ich habe ein Master of Selbstmitleid. Gewusst?) abgleiten will, mir ins Bewusstsein zu holen. "Oh wow, spannend, was ich hier wieder zusammengewürfelt hab". Manchmal sagt es mir auch jemand, der in dem Moment mit seiner Aussensicht bewusster wahrnimmt, was gerade abgeht. Und mit jedem Mal wo mir das gelingt anzunehmen, mache ich ein Schrittchen weg vom Opfer, hin zur Selbstverantwortung. Die Essenz der Selbstverantwortung ist sehr aufrecht und kraftvoll und es fühlt sich eigentlich sehr viel besser an, sich in sie zu begeben als ins verdrückte, geschlagene Opferbewusstsein. Der Grund, warum das eine trotzdem leichter fällt, ist, weil zwischen uns und "oh look what i've created" steht noch unser Stolz oder Ego... das macht es manchmal harzig, manchmal unmöglich... aber es zu üben, macht Spass... und wenn Du mich erwischt, wie ich die Opferrolle wähle, bitte sag es mir... vielleicht werde ich dich böse anschauen, vielleicht werde ich beleidigt sein, vielleicht werde ich dir Vorwürfe machen. Lass mich damit stehen. Liebevoll. Und lass mir Zeit zu fühlen. Wenn Du liebevoll dabei bleibst und mich nicht ablehnst dafür, werde ich das nehmen können, was meines ist, und Schritte machen. Ich mache es auch so mit Dir, ob Du willst oder nicht.
Colin Tipping ist dieses Jahr übrigens gestorben und es wird keine Retreats mit ihm mehr geben. Doch ein Freund von mir hat von Colin das weltweite Faciliatorsnetzwerk übernommen und wird Radical Forgiveness zurück in die Schweiz bringen. Und vielleicht darf ich dereinst Teil davon sein, er hat mich darum gebeten und darüber freue ich mich sehr