Steh in deine Fülle

Steh in deine Fülle.

Steh in deine Fülle, sagte Sie. Und ich schloss meine Augen und liess ihre Worte einsinken. Ich sah ihr Gesicht vor mir, die Tiefe in ihrem Blick, die Erfahrung, erkannte, dass sie weiss, wovon sie spricht. Es selbst erfahren hat. Den Weg vor mir ging. Steh in deine Fülle. Es war eine Einladung. Ein Angebot. Und zeitgleich ein dringlicher Hinweis. Steh in deine Fülle. Und in diesem Moment begriff ich, dass es ok ist, in der Fülle zu stehen. Dass es ok ist, etwas zu besitzen und dass ich es geniessen darf, dass ich dort stehe, wo ich stehe. Dass ich mich nicht schämen muss für meinen Besitz, mein Glück, das Gute was mich umgibt. Ich darf es teilen, ich darf davon geben, aber es ist wichtig, nicht grenzenlos zu sein. Es ist wichtig, Grenzen zu fühlen und Grenzen zu setzen. Es bedeutet nicht Nicht-Liebe, jemandem zu sagen, bis hier, und nicht weiter. Es ist ok, zu sagen, das will ich nicht geben, nicht teilen, oder sagen, so und nicht anders kann ich mit dir sein. Steh in deine Fülle, sagte sie. Mit ihrer weisen Stimme. Auf ihre sanfte Art und Weise. Und in den Worten lag so viel Kraft. Und meine Wirbelsäule richtet sich sanft ein wenig auf. Das Schwert das mich schützt wurde wieder fühlbar in meinem Rücken, als Stütze und nicht als Last, jetzt wo es nicht mehr auf die Krummen Wirbel drückt. Steh in deine Fülle. Für dich und auch für die Andern. Das ist wichtig. Und ich nahm einen tiefen Atemzug aus der Fülle um mich, stellte mich bewusst hin, in die Fülle. Meine Fülle. Akzeptierte sie und liess sie mich erfüllen... langsam in mich einfliessen... wie ein Becken, das sich langsam mit Wasser füllt... sie fliesst noch ein, die neue Wahrnehmung. Aber sie fliesst. Steh in deine Fülle, sagte sie. Und ich begriff, dass Fülle will, dass man in ihr steht. Nur dann kann sie leuchten und kraftvoll wirken. Fülle will gelebt sein, mit allen Sinnen gekostet, um dann in vollen Zügen getrunken zu werden. Fülle ist verderbliche Nahrung, sie möchte, dass man von ihr nascht, sich an ihr labt und in ihr badet, auf dass sie sich ständig erneuern kann... Steh in deine Fülle, sagte sie. Und ich machte den ersten Schritt... und ich entschied mich, den Mut zu haben, und machte den zweiten Schritt... in meine Fülle. Dankbar.

Pascale Kohli, 2020

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Kohli Pascale